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Belize
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Mennoniten


Sie unterscheiden sich von jeder anderen ethnischen Gruppe in Belize: blonde blauäugige Männer mit Jeanslatzhosen und Cowboyhüten; bescheidene Frauen mit einheitlich aussehenden selbst geschneiderten Kleidern, langärmelig und bis zu den Knien reichend; dazu einen breitkrempigen, von einem schwarzen Band gehaltenen Hut gegen die tropische Hitze oder die Versuchung.

Freundlich und zurückhaltend, sprechen sie ruhig untereinander, nicht auf Spanisch, Englisch oder Kreolisch, sondern in einem altertümlichen deutschen Dialekt.

Plattdeutsch. Nur schwer sind Unterschiede zwischen den Einzelnen auszumachen, das Ausschauen nach auffallenden Individuen wird kaum belohnt. Die über Jahrhunderte hinweg dauernde Isolation scheint ihre Spuren hinterlassen zu haben. Nicht nur die ähnlichen Gesichter, auch die einheitlichen Namen scheinen dafür Zeugnis zu tragen.

Egal ob in Bartoon Creek, Shipyaard oder Spanish Lookout, die Familien namens Friessen oder Reimer sind überall. Es sind die Mennoniten Belizes, eine stille religiöse Sekte, die ihre Wurzeln in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts hat. Benannt nach einem holländischen Priester, Menno Simons (* 1496, † 1561), der sich der Wiedertäuferbewegung zu wandte, leben sie in abgelegenen Bauerngemeinden und nennen sich selbst „die Stillen im Lande“. Sie lehnen jede staatliche Einmischung in ihre Angelegenheiten, Waffenbesitz, Erwachsenentaufe sowie Empfängnisverhütung strikt ab und sind überzeugte Pazifisten. Mennoniten, Taufgesinnte, evangelische Gemeinschaften, die durch die Lehren Menno Simons’ (* 1496, † 1561) geprägt sind; Menno, ursprünglich katholische Prister, wandte sich der Wiedertäuferbewegung zu, deren radikale Form er ablehnte. Erwachsenentaufe, Eidesverweigerung, Kriegsdienstverweigerung sind die Hauptmerkmale der mennonitischen Gemeinden. Von Deutschland verbreiteten sich die Mennoniten seit 1683 nach Amerika und seit 1789 nach Russland.

Belize ist der derzeit letzte Halt in einer dreihundertjährigen Odyssee, denn wegen ihrer Prinzipien wurden sie oft genug verfolgt. Von den Niederlanden wanderten die Mennoniten im 17. Jahrhundert nach Preußen, dann nach Südrussland und, als der russische Zar in den 1870-er Jahren für sie die Wehrpflicht beschloss, nach Kanada.

(Ein anderer Zweig – die Amish-Brüder, Amische Mennoniten – beruht auf einer in 1693 durch Jakob Am(m)ann im Berner Emmental hervorgerufene Absplitterung von den Mennoniten. Die Amish-Brüder zeichnen sich durch ethischen Rigorismus (strenge Gemeindezucht) und technischen Konservatismus aus (Ablehnung von Maschinen und Elektrizität, strenge Kleidertradition); sie sprechen alten pfälzischen Dialekt und siedeln vor allem Pennsylvania (USA). In ihren Ansichten ähneln sie noch heute sehr stark den fundamentalistischen Mennoniten in Belize.)

Nach dem Ersten Weltkrieg ordnete die kanadische Regierung an, dass nur auf Englisch in mennonitischen Schulen gelehrt wird und erwog, geschürt durch antideutsche Ressentiments, die Einberufung zur Armee. Wieder emigrierten viele von ihnen diesmal in den unwirtlichen Norden Mexikos. Doch schon in den 1950er Jahren wollten die mexikanischen Behörden sie in ein staatliches Sozial-versicherungssystem integrieren. Auf der Suche nach einer neuen Heimat entdeckten sie Belize, das damalige British Honduras, das dringend erfahrene Bauern benötigte.

Die Kolonie war unterentwickelt und die Einheimischen, die die Landwirtschaft verachteten, importierten sogar Eier aus dem Ausland. Eine mennonitische Delegation reiste durch Belize und wurde freudig von den britischen Gouverneuren empfangen, die ihnen weite unberührte Landstriche versprachen.

1958 begannen die Ersten von insgesamt 3500 Mennoniten mit der Arbeit: Sie schlugen Wege durch die Wälder, legten Sümpfe trocken und errichteten ihre Bauernhöfe in der Wildnis. Aber nach Jahrhunderten der Irrfahrt, in der sie ihre religiösen Überzeugungen unbeirrbar beibehalten hatten, tat sich eine kulturelle Kluft auf: Nach einem Edikt gegen Motoren und Wissenschaften setzen konservative Gruppen, die auch nur Deutsch sprechen, bis heute nur Geräte des frühen 20. Jahrhunderts ein.

Dagegen wenden progressive Mennoniten, die in Kanada Englisch lernten, Traktoren und Düngemittel an. Die über Belize verbreiteten Siedlungen spiegeln diesen kulturellen Unterschied wider: die progressive „Kleine Gemeinde“ in der Umgebung von Spanish Walk bei San Ignacio; demgegenüber die konservativen „Altkolonier“ in der Wildnis am Blue Creek im Dreiländereck zu Guatemala und Mexiko, außerdem die Gemeinden Shipyard und Richmond Hill unweit Orange Walk Town.

Die Mennoniten sind gegenwärtig die erfolgreichsten Bauern in Belize. Sie produzieren einen Großteil der Nahrungsmittel des Landes, die inoffizielle Statistik spricht sogar von 75%, Marktanteil und sie schreinern zudem die meisten Möbel für den nationalen Markt.

Als 2005 auch die belizianische Regierung versuchte, die Mennoniten mit Steuern zu belegen, haben einige der radikalen Mitglieder Belize verlassen.

Die mexikanische Regierung schien die Entwicklung dieser Bevölkerungsgruppe aufmerksam verfolgt zu haben. Es schaut fast so aus, als ob auch der Werdegang, der letztendlich immer zu einer Wanderschaft der Mennoniten nach Verletzung der eigenen Riten durch die jeweiligen Regierungen, aufmerksam beobachtet wurde.

Unmittelbar nach dem Eingriff in die vereinbarte Freiheit durch die belizianische Regierung kam ein offizielles Angebot vom nördlichem Nachbarn. Man sucht in Mexiko dringendst nach qualifizierten Farmern und ist bereit, jegliche Zugeständnisse zu machen. Schauen wir mal, wie lange es anhält. Die “modernen“ Mennoniten scheint dies nicht mehr zu interessieren. Sie haben „Blut“ an den Möglichkeiten der Zivilisation geleckt. Hinzu kommt, dass Ende 2005 weitreichende Ölvorkommen auf deren Ländereien gefunden worden, die eine weitere Maximierung des eigenen Profits versprechen.

Was letztendlich an deren pazifistischem Glauben nichts geändert hat, man ist halt pragmatischer geworden. Vor wenigen Jahren noch unvorstellbar, sieht man heute in deren Fabriken Angestellte arbeiten, die offensichtlich nicht des gleichen Glaubens sind. Guatemalteken und Kreolen mischen sich als billige Arbeitnehmer immer mehr in das Bild von Spanish Lookout.

Bis heute ist den „Auswärtigen“ allerdings nur die Anwesenheit auf der Arbeit erlaubt, siedeln im eigenen Gebiet ist nach wie vor ein Privileg der Glaubensgenossen. Die weltweit größte Siedlung der „modernen“ Menonniten ist Spanish Lookout im Westen des Landes. Es ist gleichzeitig die am weitesten entwickeltste Siedlung in Belize und natürlich die reichste Gegend des Staates. Obwohl mit Maschinen aus den 70iger Jahren des 20. Jahrhundert produziert wird, hebt man sich von dem Landesdurchschnitt, in dem Manufakturarbeit vorherrscht, ab. Bemerkenswert ist, dass die Mitglieder der Gemeinschaft nur mit einer internen kommunalen Einkommenssteuer von 1/3 Prozent belegt werden. Darüber hinaus zahlt jeder männliche Mennonite über 18 Jahre pro Jahr pauschal 200 Dollar für das Bildungssystem.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Asphaltierte Straßen, gut ausgestatte Schulen, hohes Durchschnittseinkommen .. die Korruption ist dort noch nicht gelandet. Und damit meine ich nicht die überaus dramatische karibische Bestechlichkeit, der Steuersatz ist weltweit einmalig und die Effekte daraus auch. Um einen Vergleich für diejenigen, die mit den Mennoniten nicht vertraut sind, aber amerikanische Farmsiedlungen kennen, zu wagen: Der einzige Unterschied zu Farmern beispielsweise aus Florida ist, dass es in der Siedlung weder Zigaretten noch Alkohol gibt. Aber auch das sind Relikte aus alten Zeiten.

Mit guten Automarken, Motorrädern oder Quads ausgestattet, fällt es nicht schwer zu umliegenden Dörfern zu fahren, um dieses Manko zu begleichen. Die ersten Betrunkenen auf jeder Party sind die Mennoniten. Auch wenn dies vielleicht makaber klingt. Aber: keine Gewalttätigkeiten und Kriminalität gleich Null- Die fundamentalistischen Mennoniten mögen keine Fotografen, manche der „modernen“ Mitglieder haben jedoch kein Problem mit Fotos – man sollte aber in jedem Falle zuvor fragen. Obwohl diese Bevölkerungsgruppe in dem Sinne wie Musik, Malerei etc. keinerlei eigenen Aktivitäten zeigt, sind schon deren Siedlungen ein kulturelles Erlebnis. Während die Fundamentalisten ohne Anschluss an die öffentlichen Versorgungsnetze leben, mit ihren Bärten und Pferdewagen einen krassen Gegensatz zur allgemeinen Bevölkerung darstellen ist die Gegenüberstellung der Modernen schon fast ein Kulturschock. Also auch Kultur.

 

Fazit: ein unwahrscheinlich sympathischer Menschenschlag, egal ob Fundamentalist oder Moderner.